Musik verbindet Menschen. Dieser Gedanke steht seit Jahrzehnten im Mittelpunkt der Jeunesses Musicales. Was heute ein internationales Netzwerk junger Musikerinnen und Musiker ist, begann in einer Zeit des gesellschaftlichen Neubeginns: Mitten in einer von den Folgen des Zweiten Weltkriegs geprägten Welt entstand die Überzeugung, dass Musik mehr sein kann als Unterhaltung. Dass sie Menschen zusammenbringt, wo Politik und Grenzen trennen. Aus diesem Gedanken entstand die Jeunesses Musicales International (JMI), heute die größte musikalische Jugendorganisation der Welt. In über fünfzig Ländern vernetzt sie junge Musikerinnen und Musiker über kulturelle und nationale Grenzen hinweg.
Die deutsche Sektion dieser Bewegung ist die Jeunesses Musicales Deutschland (JMD). Seit 1951 setzt sie sich dafür ein, junge Menschen durch Musik zusammenzubringen, musikalische Bildung zu fördern und internationale Begegnungen zu ermöglichen. Rund 300 Jugendorchester, Ensembles und Musikgemeinschaften sind heute Teil dieses Netzwerks. Von Musikschulorchestern bis zur Jungen Deutschen Philharmonie verbindet die JMD junge Musikerinnen und Musiker durch Projekte, Wettbewerbe, Kurse und Begegnungen.
Ein besonderer Ort der JMD ist die Musikakademie Schloss Weikersheim. Als internationales Begegnungszentrum treffen dort regelmäßig junge Musikerinnen und Musiker aus Deutschland und der ganzen Welt zusammen. Hier entstehen neue musikalische Projekte, Freundschaften und Ideen, die weit über einzelne Konzerte hinausreichen.
Das Lender-Gymnasium und die JMD
Auch das Streich- und Sinfonieorchester des Lender-Gymnasiums ist Teil dieser Gemeinschaft. Dadurch ergeben sich für die Orchestermitglieder Möglichkeiten, die weit über die Proben- und Konzertarbeit hinausgehen.
Eine dieser Möglichkeiten ist die JM-Botschafter*innen-Initiative. Dabei entsenden Mitgliedsorchester Jugendliche, die als Bindeglied zwischen ihrem Orchester und der JMD wirken. Sie nehmen an Coachings, Workshops und Austauschformaten teil und bringen neue Ideen, Impulse und Erfahrungen zurück in ihre Orchester.
Die Initiative versteht sich dabei nicht als formelle Vertretung, sondern als lebendige Gemeinschaft. Junge Musikerinnen und Musiker aus ganz Deutschland kommen miteinander ins Gespräch, tauschen Erfahrungen aus, entwickeln Projekte und diskutieren Fragen, die ihre Orchester bewegen. Dabei entstehen häufig Kontakte und Kooperationen, die weit über einzelne Veranstaltungen hinausreichen.
Als JM-Botschafterin unserer Schule durfte ich selbst erleben, wie wertvoll dieser Austausch ist. Die Begegnungen machen deutlich, dass viele Orchester ähnliche Herausforderungen, aber auch ähnliche Visionen teilen. Gerade dieser Blick über den eigenen Probenraum hinaus eröffnet neue Perspektiven für die Arbeit vor Ort.
Der Deutsche Jugendorchesterpreis
Eine weitere wichtige Initiative der Jeunesses Musicales Deutschland ist der Deutsche Jugendorchesterpreis. Der Wettbewerb zeichnet nicht nur musikalische Qualität aus, sondern würdigt insbesondere kreative Konzertkonzepte, eigenverantwortliches Engagement der Jugendlichen und die Umsetzung eines selbst gewählten Mottos.
Auch das Streich- und Sinfonieorchester des Lender-Gymnasiums nimmt seit Jahren erfolgreich an diesem Wettbewerb teil. Im Rahmen des 150-jährigen Schuljubiläums entstand zuletzt das Projekt „Die Würde des Menschen: Franz Xaver Lender“, eine musikalische Hommage an den Gründer unserer Schule. Dabei standen nicht nur die musikalische Aufführung, sondern auch die inhaltliche Konzeption, Organisation und Umsetzung durch die Orchestermitglieder im Mittelpunkt.
Die Teilnahme am Deutschen Jugendorchesterpreis hat gezeigt, wie viel junge Menschen gemeinsam auf die Beine stellen können, wenn sie Verantwortung übernehmen und eigene Ideen verwirklichen dürfen. Genau diese Verbindung von musikalischer Arbeit und selbstständigem Engagement gehört zu den Grundgedanken der JMD.
Begegnung in Weikersheim
Ein besonderes Erlebnis war für uns, als JM-Botschafterinnen und JM-Botschafter, das bundesweite Treffen der nominierten Orchester im vergangenen November in Schloss Weikersheim. Dort kamen Jugendliche aus Orchestern aus ganz Deutschland zusammen.
75 Jahre Jeunesses Musicales Deutschland
In diesem Jahr feiert die Jeunesses Musicales Deutschland ihr 75-jähriges Bestehen. Für viele ist das ein Anlass, auf eine lange Geschichte zurückzublicken. Für mich ist es vor allem ein Anlass, darüber nachzudenken, welche Wirkung diese Gemeinschaft bis heute entfaltet.
Manchmal frage ich mich, ob die Jeunesses Musicales weiß, was sie da eigentlich angerichtet hat. Weil niemand einem vorher sagt, dass ein Ort wie Weikersheim nicht einfach nur Musik macht, sondern Menschen verändert. Nicht laut, nicht spektakulär, sondern so unaufdringlich und tief, dass man Monate und Jahre später merkt, wie etwas in einem weiterklingt.
Vielleicht ist genau das das Verrückte an der JMD: Sie tut so, als wäre sie nur ein Verein. Dabei ist sie eher eine Art musikalische Störung der Normalität. Eine, die einen zwingt, mutiger zu sein, als man geplant hatte. Die JMD ist kein Wohlfühlprogramm. Sie ist eher ein Spiegel, der die Frage stellt: „Und? Was willst du wirklich sagen? Was willst du sein und wo willst du hin?“
Die Jeunesses Musicales bringt Menschen zusammen, die sich sonst nie begegnet wären, und lässt sie etwas erschaffen, was keiner allein gekonnt hätte. Beim Deutschen Jugendorchesterpreis und in meiner Rolle als JM-Botschafterin habe ich nicht Grenzen kennengelernt, sondern Möglichkeiten. Verantwortung fühlt sich dort nicht schwer an, sondern sinnvoll. Man organisiert, probt, entscheidet, zweifelt und merkt irgendwann: Musik hält das alles zusammen. Nicht, weil alles perfekt läuft, sondern weil man gemeinsam wächst.
75 Jahre JMD sind deshalb für mich kein Rückblick, sondern ein Beweis dafür, dass Musik dort entsteht, wo Menschen einander ernst nehmen. Es ist wie ein langer Applaus, der nie nur der Vergangenheit gilt, sondern immer auch dem, was noch möglich ist.
„Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt“, schrieb Mahatma Gandhi. Die Jeunesses Musicales hat mir gezeigt, wie das klingt.
Text: Felia Conrad (K2), Botschafterin der Jeunesse Musicales Deutschland
Fotos: Jeunesses Musicales Deutschland e.V.



